Alle Beiträge von AUGUSTA Campuszeitung

AUGUSTA, die Göttinger Campuszeitung, ist eine Initiative von Studierenden der Georg August Universität Göttingen, die es sich zum Ziel gemacht haben, ein Informationsmedium für Studierende und Universitätsmitarbeiter zu schaffen.

Was wir von Charlie lernen können

Was am siebten Januar im Redaktionsbüro der Charlie Hebdo passierte, war ohne Zweifel schockierend. Es war ein grauenvolles Massaker, ausgeführt von zwei islamistischen Fanatikern, die eine satirische Zeitschrift für das Ausüben von Meinungs- und Pressefreiheit bestrafen wollten. Allerdings ist es außerordentlich wichtig, dass man auch betrachtet, welche Veröffentlichungen der Charlie Hebdo sie zum Ziel eines solchen Angriffs machten. Eine dieser Karikaturen zeigt den muslimischen Propheten, wie er sich nackt auf einem Bett räkelt und anscheinend einen Amateurporno dreht. In einer Anderen kniet Mohammed nackt auf allen Vieren, er trägt lediglich einen Turban. Er hält seinen Hintern dem Betrachter entgegen und lediglich sein Anus ist durch einen Stern zensiert. Es ist wichtig und gut, dass unsere Medien auch das recht haben, auch Religionen zu karikieren. Allerdings sollten wir aber bedenken, dass Karikaturen nichts anderes als Kritik darstellen. Eine Kritik sollte auch immer etwas Konstruktives haben. Wie sinnvoll ist es also, wenn man jemanden karikiert, der vor Hunderten von Jahren lebte? Ausschließlich der symbolische, religiöse Wert den Mohammed hat, ist also von Bedeutung. Für viele Moslems ist die Beleidigung des Propheten ein verletzender Angriff auf ihren Glauben und ihre religiöse Identität. Dies berechtigt dennoch niemanden, in irgendeiner Weise gewalttätig zu werden. Jedoch bedeutet es auch nicht, dass Karikaturen des muslimischen Propheten die interkulturelle Verständigung mit Muslimen verbessern. Es muss selbstverständlich erlaubt bleiben, Religionen zu kritisieren und karikieren. Aber nichtsdestotrotz sollte man sich auch die Frage stellen, ob wir etwas tun müssen, nur weil wir es tun können. Welchen Nutzen ziehen wir aus Mohammed-Karikaturen? Bringt es uns auf irgendeiner Ebene voran, dass wir die religiösen Gefühle von muslimischen Mitmenschen in Europa angreifen? Die einzigen, denen solche Karikaturen nützen, sind radikale Islamisten. Sie machen es ihnen einfacher, Menschen zu radikalisieren. Und genau so hat auch das Attentat in Paris nur den Islamhassern und rechten Parteien zugespielt. Wenn solche Parteien kritisiert und karikiert werden, wird sich hauptsächlich ihrer Anführer, Aussagen und Mitglieder bedient. Unsere Kritik sollte den Radikalen und Fanatikern gelten, sie sind es, die einen Keil in die Gesellschaft treiben wollen, nicht der Islam oder sein Prophet.

Von Kevin Barlog

Von der Kunst, Sport und Zeitgeist zu vereinen

Von Amelie Schultze

Jedes Jahr findet im Sommer das traditionelle Sportfest der Georg-August-Universität statt. Der Dies Academicus bietet den 8000 Besuchern eine bunte Mischung aus Sport, Kultur und Unterhaltung. Doch die Vorbereitung auf den großen Tag ist alles andere als einfach.

Nachdem der Dies Academicus vor knapp zwei Wochen ins Wasser gefallen ist, lädt der Hochschulsport der Georg-August-Universität am 2. Juli erneut die Studenten dazu ein, sich in zahlreichen Sportdisziplinen zu messen und eine bunte Mischung von Life-Acts zu verfolgen. Auch in diesem Jahr wird dies durch das Engagement von Wettkampfteilnehmern, etlichen Mitarbeitern des Hochschulsports und knapp 90 freiwilligen studentischen Helfern möglich. Angeleitet werden sie alle von einem kleinen Organisationsteam, bestehend aus sechs Studenten, einem Auszubildenden und Mischa Lumme, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hochschulsport und Koordinator des Dies Academicus. Im Rahmen des universitären Seminars „Eventmanagement“ haben sie bereits im vergangenen Jahr mit der Vorbereitung des Events begonnen.

„Es nimmt eine Menge Freizeit ein, aber es macht auch total viel Spaß und man sammelt echt gute Erfahrungen“, beschreibt Marie Bussemeier, 23 Jahre alt und Bachelor-Studentin der BWL im vierten Semester, ihre Arbeit. Sie ist Mitglied im offiziellen Organisationsteam und nimmt das erste Mal an der Organisation des Dies teil. Sie ist für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, während sich ihre Kommilitonen um die Sportturniere, das kulturelle Programm, die Gastronomie und die Koordination freiwilliger Helfer kümmern. Während jeder in seinem Teilbereich den Überblick behalten muss, eint sie aber die gemeinsame Suche nach dem Spirit, der den diesjährigen Dies prägen soll.

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Marie Bussemeier (23), BWL-Studentin im4.Semester

und Mitglied des Organisationsteam für den Dies Academicus

Im Organisationsteam ist man stolz, dass sich immerhin circa 2000 Teilnehmer für die Turniere angemeldet haben; für das größte darunter, das Fußballturnier, sind es allein schon 144 Teams. Das Turnier-Angebot beinhaltet neben den gewohnten Klassikern wie Fußball, Tennis, Volleyball und Street Ball auch exotischere Disziplinen wie Dodgeball und Human Table Soccer. Die Zuschauer können sich darüber hinaus auch selbst in Funsportarten wie American Gladiator, Kehrmaschinen-Pulling, einem Bobbycar-Rennen und dem Klimmzug-Kontest am Abend ausprobieren. Neben dem sportlichen Programm wird außerdem eine Menge Kulturelles angeboten: Auf der Eventbühne kann man ein Potpourri aus Tanz, Musik, Theater und Poetry Slam verfolgen und hinter den Beachvolleyball-Feldern hat man die Möglichkeit, einmal ganz legal zur Sprühdose zu greifen und an der Gestaltung einer Graffiti Wall mitzuwirken. Außerdem wird ein Lipdup angeboten, bei dem zusammen zu einem Musikvideo getanzt und das Ganze aufgezeichnet wird; und im Motto-Dorf, in dem verschiedene Teams im Wettbewerb um die kreativste Verkleidung stehen, soll unter den Zuschauern für ausgelassene Stimmung gesorgt werden.

„Es ist echt cool zu sehen, dass so viele Leute sich dafür engagieren, dass der Dies so zustande kommt“, meint Marie Bussemeier und betont, dass viel von der Mitarbeit der zahlreichen freiwilligen Helfer abhinge. Auch Seminarleiter Mischa Lumme sieht in dem Dies Academicus nicht nur ein bloßes Sportfest, sondern einen bunten Tag, der allen Teilnehmern gleichermaßen Kreativität und die Freude an verrückten Ideen abverlangt. Er war schon während seines Studiums als freiwilliger Helfer und später als Mitglied des Sportreferats an der Organisation des Dies und der anschließenden Party beteiligt und ist seit 2011 hauptamtlich beim Hochschulsport tätig. Er beschreibt, dass man bewusst eine „Art of Dies“ zu pflegen versuche, die Sport, Kultur, Unterhaltung und aktive Partizipation von Organisatoren, Wettkampfteilnehmern und Zuschauer vereine. Ihn begeistert jedes Jahr aufs Neue, wie viel Mühe die Sportteams in die Gestaltung von Trikots und Verkleidungen investierten. „Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welchem Ehrgeiz manche Leute selbst beim Klimmzug-Kontest antreten“ schmunzelt er.

Der Anspruch der Organisatoren besteht darin, etwas Besonderes aus dem Tag zu machen und eng am Puls der Zeit zu sein. Der Dies ist dabei nicht nur ein wichtiges Werbeinstrument für den Hochschulsport, sondern er hat auch eine historische Bedeutung für die gesamte Universität: Obwohl unklar ist, wann der erste sogenannte Dies Academicus stattgefunden hat, so belegt immerhin ein Foto aus dem Jahr 1913 die lange Tradition eines Sportfestes. Mischa Lumme sieht jedoch eine stetige Weiterentwicklung: Während der Dies ursprünglich ein reines Sportereignis gewesen sei, sei er heute zu einem Event mit breitem kulturellen Angebot gewachsen. Das zeige sich auch im Kleinen: Noch vor einigen Jahren waren nur Studenten der Sportwissenschaften mit der Vorbereitung des Dies betraut; inzwischen wird der Dies von Studenten ganz verschiedener Fächer gestaltet, die an dem Seminar „Eventmanagement“ teilnehmen und hauptsächlich Freude an der Organisationsarbeit mitbringen müssen. „Ich denke, das hat neue Herangehensweisen eingebracht und zu einem offeneren Charakter des Dies beigetragen. So werden vielleicht neue Zielgruppen erreicht“, so Mischa Lumme. Eine weitere Entwicklung sieht er darin, dass die Organisation des Dies zunehmend stärker strukturiert werde, indem sie beispielsweise vermehrt Image-Arbeit und das Hinwirken auf Presse-Wirksamkeit beinhalte. Für die Organisatoren stelle sich beständig die Frage, wie sie die Dies-Kultur prägen wollen. Während der Dies derzeit von einem Festivalflair geprägt sei, könnte man ihm in den kommenden Jahren womöglich einen offizielleren und formelleren Anstrich geben. Dabei sei jedoch fraglich, ob eine solche Veränderung überhaupt wünschenswert und umsetzbar wäre; immerhin sei die Atmosphäre des Dies nicht nur durch das offizielle Organisationsteam, sondern auch durch die Sportler und Zuschauer wesentlich bestimmt.

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Mischa Lumme, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hochschulsport und Koordinator des Dies Academicus.

Leider ist nicht alles, was unter Dies-Traditionen läuft, so eine tolle Sache. So ist zum Beispiel ein verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol ein Thema, das die Veranstalter auf der Agenda haben. „Wir versuchen, auf Appelle zu setzen und nicht auf Verbote, und so eine Verhaltensänderung herbeizuführen“, betont Mischa Lumme. So hat man in diesem Jahr einen Sponsor für Mineralwasser gewinnen können und hofft, dadurch einen Anreiz zu einem gemäßigten Alkoholkonsum insbesondere bei den Sportlern auf dem Spielfeld zu setzen. Insgesamt betrachtet passiere allerdings selten etwas und die positive Stimmung überwiege.

Andere Schwierigkeiten ergeben sich daraus, dass sich die Organisation des Dies über mehrere Monate erstreckt. Dem studentischen Team wird dadurch viel Disziplin und eine beständige Begeisterung für die Vorbereitung abverlangt. „Es ist etwas schwierig, dass alles zeitlich so abzusehen“, meint Marie Bussemeier. Problematisch seien neben dem steigenden Zeitdruck insbesondere kurzfristige Absagen von Partnern und die Unvorhersehbarkeit des Wetters; auch in diesem Jahr musste der Dies aufgrund eines starken Unwetters am Morgen abgesagt und um mehrere Wochen verschoben werden. Außerdem sei es anspruchsvoll, den Ablauf der Turniere bei der großen Zahl angemeldeter Teams zu koordinieren und die gruppeninterne Kommunikation so aufrecht zu erhalten, dass eine effektive Aufgabenverteilung gewährleistet ist.

Sowohl Mischa als auch Marie betonen jedoch beide, dass die Organisation im Großen und Ganzen gut laufe und viel Freude bereite. So ist beispielsweise der Andrang auf das Fußballturnier so groß gewesen, dass sich nach Freischaltung der Anmeldung bereits über Nacht etliche Mannschaften eingetragen haben. Man ist beim Hochschulsport außerdem stolz darauf, dass der Dies ein eigenes Projekt ist. Mit 25.000-30.000 Euro, die insgesamt für das Fest ausgegeben werden, finanziert der Hochschulsport das Event aus dem eigenen Haushalt; und auch die Vorbereitung wird ganz in Eigenregie geführt. Mischa Lumme zeigt sich aber dankbar für die kooperative Haltung der Universitätsleitung, die einen Ausfall der Lehrveranstaltungen ab dem frühen Nachmittag erlaubt und den Universitätsangestellten eine Teilnahme am Dies als Arbeitszeit anrechnet.

Der Dies Academicus 2014 trägt den Namen „Dies de Janeiro“. Durch die Weltmeisterschaft sei der Fußball derzeit in den Medien allgegenwärtig; und auf dem Hochschulsportgelände wird derzeit zudem für einige der Spiele ein Public Viewing veranstaltet. „Fußball ist Deutschlands beliebteste Sportart und zentraler Bestandteil des Dies“, begründet Mischa Lumme. Generell trage das Motto des Dies wesentlich zu seinem einzigartigen Charakter bei; so gab es schon ein Woodstock-Motto und im vergangenen Jahr wurde das Thema mit dem indischen Holi-Fest verknüpft. Marie Bussemeier assoziiert mit dem diesjährigen Motto vor allem das brasilianische Lebensgefühl und hofft, dass sich das nicht nur im offiziellen Logo und den geplanten exotischen Cocktails und Smoothies, sondern auch im Wetter widerspiegelt. Sie wünscht sich, dass am Tag des Dies alles glatt läuft und so abends für sie selbst noch ein wenig Zeit bleibt, ein wenig zuzuschauen: „Den Klimmzug-Kontest, da freue ich mich schon sehr drauf.“

Politiker, Gefangener, Anti-Apartheid-Kämpfer, erster schwarzer Präsident Südafrikas, Freiheitskämpfer, Friedensnobelpreisträger

 Die Zeitungen und Nachrichtensendungen der letzten Tage und Wochen überschütten uns gerade zu mit Fotos und Videos seiner Beerdigung. Am 5. Dezember 2013 starb Nelson Rolohlahla Mandela im Alter von 95 Jahren in Johannesburg, Südafrika. Er war ohne Zweifel eine der eindrucksvollsten und bewegendsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts.

Früh übt sich‘s

Der schon früh sehr engagierte Mandela setzte sich bereits während seiner Collegezeit vehement für seine Interessen und Ideale ein. Dies hatte zur Folge, dass er nach einem Protest gegen die schlechte Verpflegung am University College suspendiert wurde. Auch widersetzte er sich einer bereits arrangierten Ehe und floh nach Johannesburg. Dort war er als Wachmann und Schwergewichtsboxer tätig und machte seinen Bachelor of Arts, um anschließend ein Jurastudium zu beginnen. In dieser Zeit, den späten 40er und 50er Jahren, war die Politik der Rassentrennung in vollem Gange. Als Präsident der ANC Youth League, die Jugendorganisation des Afrikanischen Nationalkongresses, führte Mandela eine landesweite, gewaltlose Kampagne gegen die Ungleichbehandlung an.

Abkehr von Gandhis Lehre und die Konsequenzen daraus

Untersuchungshaft, Verbannung und Verhaftungen konnten ihn nicht davon abhalten, sein Widerstandskonzept gegen die Apartheid umzusetzen und mit dem Volkskongress eine Freiheitscharta der Anti-Apartheid-Aktivitäten auszuarbeiten. Nach einem Massaker 1960 sah sich der von den Lehren Mahatma Gandhis inspirierte Mandela dazu gezwungen, dass nur im gewaltsamen Kampf die Apartheid besiegt werden konnte. Um ihn zum Schweigen zu bringen und der Bewegung eine leitende Persönlichkeit zu nehmen, wurde der Freiheitskämpfer zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch international wurde er nicht immer als Ikone gesehen, so stand er beispielsweise Jahre lang auf der Watch List der CIA und wurde von Ronald Reagan und Margaret Thatcher als Terrorist bezichtigt.

Eine lebende Legende

Mandela wurde erst 1990 aus der 27 Jahre langen Haft entlassen und verfolgte weiterhin seine Politik der Versöhnung und Vergebung. Er setzte sich für ein demokratisches Südafrika ein und wurde innerhalb der nächsten Jahre Präsident des ANC, erhielt für seine Bestrebungen den Friedensnobelpreis 1993 und wurde im Folgejahr der erste demokratisch gewählte schwarze Präsident Südafrikas.

Der Vater einer neuen Nation, ein Friedenskämpfer und einer der charismatischsten Männer des 20. Jahrhunderts ist von uns gegangen. Zahlreiche Lieder, Filme und Bücher sowie die von ihm gegründeten Stiftungen, seine Auftritte wie bei der Rugby-Union-Weltmeisterschaft 1995 und seine Vorbildfunktion für Menschenrechtsorganisationen erinnern an sein Vermächtnis, das noch lange über seinen Tod hinaus wirken wird.

Von Sarah Sinnreich

Rechtsextremistische Studentin durch Linksaktivisten an den Pranger gestellt

Mit Plakaten, wie „Die ganze Uni hasst dich!“ und „Nie wieder Faschismus“ stürmten am Donnerstag, dem 7. November 2013 Linksaktivisten eine Politikwissenschaftsvorlesung in Hannover. Mit großen Papppfeilen wiesen sie auf eine Studentin im Hörsaal: Christina Krieger. Die 23-jährige ist NPD-Landesvorstandsmitglied und hannoversche Unterbezirkschefin der rechtsextremen Partei. Auch der mittlerweile verbotenen Gruppe „Besseres Hannover“ gehörte sie an. Die Linksaktivisten verlasen eine Abhandlung über das politische Dasein der Studentin und stellten ein Video der Inszenierung auf YouTube.

Die Polizei, die die Studentin rief, sah die maskierten Aktivisten nicht einmal mehr von Weitem. Der Dozent schien mit der Situation „überfordert“.

Das Institut für Politikwissenschaft in Hannover distanzierte sich von dem Vorfall und drückte seine Missbilligung aus: „Die Fakultätsleitung ist entsetzt über die denunziatorische Form der Protestaktion“. „Wir suchen unsere Studenten weder nach Hautfarbe noch nach der politischen Meinung aus – jeder hat das Recht, hier zu studieren“, stellte Geschäftsführer Prof. Marian Döhler klar.

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Freien Universität Berlin hingegen bezeichnet den Vorfall in einer Pressemitteilung als „politische Intervention der erfreulichen Sorte“.

Die Studentin selbst zeigt sich im Nachhinein sehr gelassen. Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte sie: „Liebe Kameraden und Sympathisanten, da momentan das Video von mir bei der Vorlesung in der Uni seine Runden dreht, muss ich zugeben, dass es die beste Werbung für die Partei ist, die man sich vorstellen kann. Ich bekomme seitdem sehr viele Mitgliedsanfragen und Solidaritätsbekundungen selbst von Leuten, von denen man es nie gedacht hätte.“

Der Fall um die rechtsextreme Studentin Christina Krieger ist jedoch nicht der einzige an deutschen Universitäten. Einen ähnlichen Fall gab es beispielsweise auch in Berlin an der Freien Universität, wo der rechtsextreme Publizist Lion Edler Politikwissenschaft studiert. Dieser schreibt für das Magazin „Eigentümlich frei“ und die Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“.

Der Satire-Blogger „Postillon“ hat seine eigene Theorie, wie mit den Mitgliedern der nationaldemokratischen Partei umzugehen sei. Er schlägt vor, die Rechtsextremisten einfach „abzuschieben“. Seine Theorie: Die „Abschiebung von Nazis würde die Staatskasse um Milliarden entlasten“, da die Kosten der vielen Justizfälle und Arbeitslosen unter ihnen beispielsweise wegfallen würden. Auch für den Ort der Abschiebung hat der Blogger schon einen zynischen Plan: „Einige Länder wie die Türkei, Afghanistan, Israel und Somalia haben bereits signalisiert, sie würden gerne so viele Nazis aus Deutschland aufnehmen wie möglich“.

Von Theresa Hellwig

Was der Weihnachtsmann mit Demokratisierung und Statistik am Hut hat- Politikwissenschaftler zeigen Humor bei erster Weihnachtsvorlesung

„Papa, warum malen wir eigentlich immer nur Weihnachtsmänner aus – und nie Weihnachtsfrauen?“, fragte seine Tochter – nach einem malfreudigen Kindergartentag – Professor Dr. Salzborn. Auch er fand die Frage spannend, schließlich sind doch „Weihnachtsmann und Weihnachtsfrau Fiktion – wieso also einen malen und den anderen nicht?“ Dies nahm Professor Dr. Salzborn zum Anlass, um bei der ersten Weihnachtsvorlesung der Politikwissenschaft eine Lesung zu halten über „Weihnachtsmann und Weihnachtsfrau – Ein Problemaufriss“. Für viele Lacher sorgte er hierbei mit seiner Darstellung des „handfesten Kitaskandals“, der durch ein Ausmalbild einer Weihnachtsfrau ausgelöst wurde. Mit Glühwein und Keksen in der Hand lauschten die Teilnehmer sehr interessiert der Vorlesung rund um Weihnachten.

IMG_4962(Foto: Lea Seidel)

Auch Professor Dr. Busch sorgte für Heiterkeit im prall gefüllten Hörsaal, als er die politikwissenschaftsüblichen Methoden auf die Weihnachtsgeschichte anwandte. In seinem Vortrag „Obdachlosigkeit in Bethlehem – Ursachen und Lösungen aus politisch-ökonomischer Perspektive“ warf er mit Begriffen, wie „thick descriptions“, „sozialer Brennpunkt“, „Demokratiedefizit“ und „saisonale Überlast“ um sich. Er stellte in Frage, was die Volkszählung in Bethlehem damals überhaupt bezwecken sollte – und nannte die Situation „Überwachungsstaat“. Die Zählmethode durch Heimkehren in die Geburtsstadt kritisierte er stark und betonte, dass es einen „vergleichbaren Fall seit ziemlich genau 2000 Jahren nicht mehr gegeben“ habe. Der Wohnungsmangel, der damals in Bethlehem herrschte, der jedoch sei mit dem heute in Göttingen zu vergleichen. Für seine leuchtende Weihnachtsmütze und den schelmisch gehaltenen Vortrag erntete er viel Applaus.

Auch apl. Professor Gissendanner ging auf die soziale Lage damals in Bethlehem ein. Er erfand eine alte Rechnung über eine Hebamme der Christi Geburt und nutzte die Chance, um auch auf das Gesundheitssystem in Amerika einzugehen. Für lautes Gelächter sorgte er, als er die Geburts-Situation nachempfand. Da kam das Kind aus dem Bauch der Mutter, seine Lippen formten die Worte „Papa“ – und sie schauten dabei nicht Joseph an, sondern in den Himmel empor. Joseph, der wollte Maria ja ohnehin verlassen.

Mit Freude erwartet wurde im Hörsaal auch Dr. Jakobi, der einen Saxophonauftritt auf die Bühne legte.

Professor Dr. Alexander setzte zu Beginn ihrer Lesung eine Weihnachtsmütze auf und erklärte, dass sie somit das tue, was in der Weihnachtsfeier viele tun: „Now, I am santafying myself!“ Mit ihrem Vortrag „Democratizing Santa“ trug auch sie zur guten Stimmung des Abends bei. Sie erklärte, dass der Weihnachtsmann demokratische Werte vermittle – passend zur jeweiligen Zeit. So verändere er sich auch im Laufe der Geschichte: Mal als Soldat, mal im roten Gewand, mal tritt er als Monster auf. Professor Dr. Alexander warf die Frage in den Raum, warum der Weihnachtsmann eigentlich weiß sei? Wieso nicht homosexuell? Weiblich? Mit ihrem kalifornischen Akzent wünschte sie dem Saal „Merry Christmas – in the interest of democracy, be sure to santafy yourself!“.

Von Theresa Hellwig

festival contre le racisme

Rassismus – noch immer gesellschaftsfähig!

Trotz des Untergangs Hitlerdeutschlands überleben grundlegende Gedanken aus dieser Zeit bis heute. Kampagnen gegen ‚Überfremdung‘ nach der deutschen Wiedervereinigung, die Streichung des Grundrechts auf Asyl aus dem Grundgestz sowie der darauf folgende ‚Asylkompromiss‘, nach dem politischen Flüchtlingen nur mit hohen Einschränkungen Asyl gewährt werden muss, sind nur einige Anzeichen für die kontroverse deutsche Politik. Die Abstufung von politisch Verfolgten zu Wirtschaftsflüchtlingen spiegelt dies ebenfalls wider.

Ein Leben gefüllt mit Angst vor Abschiebung, Aufenthalten in Isolationslagern und in Abschiebehaft. Vom Rest der Bevölkerung systematisch abgegschirmt sind sie unerwünschte Flüchtlinge. Eigentlich nur auf der Suche nach einem sicheren Leben, einer Zufluchtstätte. Doch jene wird ihnen allzu häufig verwährt durch eine Bürokratie, deren Ziel es zu sein scheint, möglichst viele Menschen abzuschieben.

festival contre le racisme

Rassismus und Diskriminierung sind Themen, die auch und gerade Studierende auf Grund der zunehmenden Internationalität an den Universitäten etwas angehen. Ausländische Studierende sind häufig mit Hürden konfrontiert, von denen deutsche Studierende überhaupt nichts wissen. Zum Alltag geworden sind mancherorts diskriminierende AusländerInnengesetzgebung und ein teils fragwürdiger Umgang mit Flüchtlingen und MigrantInnen. Um die vielfältigen jedoch unbekannten Probleme aufzugreifen fand deshalb eine Aktionswoche mit einem Mix aus Politik und Kultur statt, das festival contre le racisme (fclr). Dadurch soll in zahlreichen Projekten aufgeklärt, vermittelt und zusammengearbeitet werden. Ziel der Veranstaltungen ist es die kulturübergreifende Integration zu fördern, Kontakte zwischen verschiedenen Menschen zu unterstützen, zur Sensibilisierung der angesprochenen Themenbereiche zu führen und so ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Woher kommt das fesival?

Der Ursprung liegt, wie der Name des Festivals schon vermuten lässt, in Frankreich. Dort findet es seit 1983 unter der Organisation des französischen Studierendenverbands UNEF jedes Jahr aufs Neue statt.

In Deutschland wird das festival seit 10 Jahren dezentral organisiert, d.h. es findet an verschiedenen Orten gleichzeitig statt. So machte die Universität  KatHO Aachen dieses Jahr (23.05. – 26.05.) den Anfang und 21 weitere Hochschulstandorte folgten. Der Veranstalter ist ein bundesweiter studentischer Dachverband namens fzs (freier Zusammenschluss von StudentInnen) und der Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS). Der fzs koordiniert die verschiedenen Hochschulstandorte und stellt zudem einheitliche Materialien und Medienarbeit bereit. Slogan: ‚Seid couragiert, seid kreativ, seid mit dabei!‘

Letztes Jahr fand das festival erstmals in einem größeren Rahmen in ganz Göttingen mit verschiedensten Veranstaltern, Gruppen und TeilnehmerInnen statt. Das soll in diesem Jahr fortgeführt werden und zur Tradition werden. Unter dem Motto ‚Gegen jede Form von Rassismus – immer und überall!‘ wurde ab dem 15. Juni eine Woche lang das Thema Rassimus auf verschiedenste Art und Weise vorgestellt und behandelt.

Das Thema ist Programm

Das festival wurde durch ein Auftaktkonzert von FaulenzA, Magnus und Cressy Jaw im Stilbrvch eröffnet. Ein weiteres musikalisches Highlight wurde im Haus der Kulturen dargeboten. Bei dem Konzert traten unter dem Slogan ‚Interkultur Live‘ verschiedenste lokale Bands unter freiem Himmel auf. An den anderen Tagen wurden verschiedene Filme, Diskussionsrunden, Konzerte und Events veranstaltet. So beispielsweise auch die zwei Filme, die im Lumière zu sehen waren. ‚Can‘t be silent‘ ist ein 45minütiger Dokumentarfilm, in dem die Filmemacherin Julia Oelkers mit ihrem Team 30 Drehtage lang die Deutschlandtour der Band ‚Strom und Wasser‘ begleitet. Doch was hat das mit Integration und Antirassismus zu tun? Der Zusammenhang wird offensichtlich, schaut man sich einmal die Zusammensetzung der Band von Heinz Ratz an. Die Hälfte der Musiker sind Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl beantragt haben. Der Film vermittelt einen Eindruck über das schwere Leben der Asylbewerber in Deutschland, bietet dem Publikum durch die musikalische Komponente jedoch auch einen unterhaltsamem Abend.

Ein weiterer Themenkomplex wurde in dem Film ‚Little Alien‘ aufgegriffen, zu dem zusätzlich eine Informationsveranstaltung der medizinischen Flüchtlingshilfe Göttingen e.V. angeboten wurde. Hierbei wurde der Fokus auf den beschwerlichen Weg von minderjährigen, alleinreisenden Flüchtlingen gerichtet.

Du als Flüchtling in Deutschland

Würdest du gerne in einer abgeschotteten Siedlung von 10-12 Häusern mit jeweils 18-20 Zimmern, in denen je eine ganze Familie untergebracht ist leben? Könntest du von 120€ im Monat leben? Wenn dein einziger Lebensinhalt der dreimal tägliche Gang zur Kantine wäre, um deine Mahlzeiten einzunehmen und du den Rest des Tages keinerlei Beschäftigungsmöglichkeiten hast, wie erginge es dir da? Könntest du ein Leben voller Ungewissheit über die nächsten Tage, Wochen und Monate führen und dich Befragungen unterziehen, bei denen nach einem Grund gesucht wird, deinen Aufenthalt in Deutschland nicht zu genehmigen? Einen Höhepunkt des festivals contre le racisme in Göttingen bildete die Podiumsdiskussion im Apex. Dort debattierten VertreterInnen des Flüchtlingsrates Niedersachsen, des Afghanistan-Kulturhauses Göttingen e.V. und des Göttinger Instituts für Demokratieforschung über eben jene Fragen und die Veränderungen in der Migrationspolitik seit dem Regierungswechsel Anfang des Jahres. Einerseits klang dabei die Hoffnung auf eine Besserung der Behandlung von Asylbewerbern an, jedoch wurde auch starke Kritik an den bisherigen Zuständen geübt.

Diese Thematik wurde ebenfalls von der Bühne für Menschenrechte aufgegriffen und in Form von Monologen aus der Perspektive abgewiesener Flüchtlinge dargestellt. Die Intention dieser Theateraufführung im Literarischen Zentrum war es diesen Menschen eine Stimme zu verleihen und auf die Konsequenzen eines abgelehnten Asylantrages hinzuweisen.

Rassismus – ein Thema, das vielen jungen Menschen im Alltag nur selten begegnet, wurde an die Oberfläche gebracht und verdient es, dass man sich damit befasst. Stelle dir nur einmal vor, in Deutschland wäre Krieg und du müsstest in ein fremdes Land auswandern. Man wünscht sich Hilfe und das Gefühl willkommen zu sein und die Chance zu bekommen, ein neues, vielleicht besseres Leben zu beginnen. Nicht mehr und nicht weniger.

Von Sarah Sinnreich

„Es ist die Abnabelung vom Elternhaus“

Der Turkologe Prof. Dr. Jens Peter Laut spricht über die aufblühende Zivilgesellschaft in der Türkei, den „Kindern“, die sich von Papa Staat nichts mehr sagen lassen wollen, über das EU-Dilemma und über den türkischen EU-Beitritt, der wohl weiterhin in weiter Ferne bleibt.

Augusta: Die Demonstrationen in der Türkei haben die Weltöffentlichkeit überrascht. Viele fragen sich, wie sich aus einer anscheinend harmlosen Kundgebung gegen die Abholzung von Bäumen im Gezi-Park ein so massiver Protest entwickeln konnte. Waren Sie von dieser Entwicklung auch überrascht?

Laut: Ja, ich war auf jeden Fall überrascht. Ich kenne die Türkei schon seit langer Zeit – auch durch meinen Beruf. Viele dieser Gruppen, die diesen Protest tragen, standen zuvor in Gegnerschaft zueinander. Umso verblüffender war es, dass ein auf den ersten Blick doch kleines Ereignis – die Fällung von Bäumen – diese Gruppen zusammengeführt hat.

Augusta: Den Demonstranten geht es nicht um die Bäume, die dem geplanten Shopping-Mall weichen sollen, sondern um viel Wichtigeres. Worum geht es ihnen?

Laut: Die Fällung von Bäumen war tatsächlich nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Protestierenden beklagen die Art, wie in der Türkei Entscheidungen getroffen werden, nämlich über ihre Köpfe hinweg. Ein nicht unbedeutender Teil der türkischen Bevölkerung fürchtet, dass die Regierung ihnen nach und nach  ihre bürgerlichen Freiheiten entzieht. Das drohende Verbot von Alkohol bzw. die Einschränkung des Verkaufs von Alkohol sehen sie als Beginn einer solchen Entwicklung. Der Gezi-Park ist zum Symbol der Proteste geworden, sein Schutz zu einer symbolischen Handlung.

Augusta: Wer demonstriert eigentlich auf dem Taksim-Platz?

Laut: Es sind z.B. linke Splittergruppen, die eigentlich verfeindet sind und nun Zelt an Zelt gegen Erdoğan demonstrieren. „Revolutionäre Muslime“ sind auch unter den Demonstranten, denn durchaus nicht alle Muslime im Land sind pro-Erdoğan. Feministische Gruppen findet man ebenso unter den Demonstranten wie Umweltaktivisten und Vertreter kurdischer Organisationen. Es ist also ein buntes Gemisch verschiedener Gruppen, die nun Seite an Seite gegen die autoritäre, muslimisch-konservative Regierung Erdoğans demonstrieren.

Augusta: Wie stark ist die Fraktion der Kemalisten innerhalb der Opposition? Sind sie auch unter den Demonstranten?

Laut: Mit dem Kemalismus, mit ich mich seit langer Zeit beschäftige, sieht es düster aus. Der offizielle Kemalismus, wie er von der Republikanischen Volkspartei (CHP) unter Kemal Kılıçdaroğlu verteten wird, tritt zwar als Opposition auf, hält sich aber sehr im Hintergrund. Er hat Angst, mit dem Staat auf Konfrontationskurs zu gehen und wird auch von den Demonstranten nicht ernst genommen. Denn der Kemalismus der Republikanischen Volkspartei ist sehr erstarrt und verkrustet und ist deshalb seinerzeit berechtigterweise abgewählt worden. Dennoch sieht man auf dem Taksim-Platz viele Atatürk-Fahnen, die für den Kemalismus stehen. Diese Fahnen gehören aber den außerparlamentarischen Kemalisten, nicht der Republikanischen Volkspartei. Diese außerparlamentarischen Kemalisten sehnen die „guten alten Zeiten“ unter Atatürk zurück. Diese Gruppe lehnt den staatlichen Kemalismus ab, der auch nur mit einem geringen Anteil im Parlament vertreten ist.

Augusta: Wie stark ist der Konflikt zwischen Laizisten und konservativ-religiösen Kräften? Oder geht es nur um Bürgerrechte?

Laut: Wir haben seit der Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923 eine sehr starke, zum Teil auch aufgezwungene laizistische Konstruktion. Dieser hängen insbesondere die jungen Menschen an und vor allem diejenigen, die in den Großstädten leben. Die Demonstrationen finden ja in den Großstädten statt, in Istanbul, Izmir, Bursa, Ankara und auch an der syrischen Grenze, in der Provinz Hatay. Überall dort sind also junge Menschen aufgewachsen, zumeist in diesen laizistischen, säkularen Traditionen, und für sie ist solch ein sich religiös gebärdendes Benehmen der Regierung nicht hinnehmbar. Das Alkoholverbot wird von den Demonstranten als Vorbote für weitergehende Maßnahmen betrachtet. Und diesen Maßnahmen wollen sie im Vorfeld entgegen wirken.

Augusta: Besteht etwa Angst vor einer Islamisierung?

Laut: Ja, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass in der Türkei jemals iranische Zustände herrschen könnten. Dazu ist das säkulare Lager in der Türkei zu groß. Außerdem ist seit der Gründung der Republik vor  fast 90 Jahren die säkulare, laizistische Erziehung tief verankert.

Augusta: Wie groß ist der Anteil dieser säkularen Gruppe tatsächlich?

Laut: Die türkische Gesellschaft ist gespalten. Ungefähr 50 Prozent der Gesellschaft sind laizistisch orientiert, während die andere Hälfte konservative Werte vertritt. Diese Konservativen leben größtenteils in den ländlichen Regionen.  Sie wählen zumeist die AKP, aus wirtschaftlichen Gründen oder weil sie die Nase vom nicht selten korrupten Kemalismus voll haben.

Augusta: Die Hälfte der türkischen Gesellschaft wählt also Erdoğans AKP. Wird sie angesichts des brutalen Vorgehens der Regierung gegen die Demonstranten weiterhin zu Erdoğan halten?

Laut: Die wirklichen Erdoğan-Anhänger betrachte das Vorgehen Erdoğans gegen die Demonstranten als völlig legitim. Sie glauben, dass die Demonstranten – wie es Erdoğan auch propagiert – vom Ausland gegen die türkische Regierung aufgehetzt wurden. Für seine Anhänger ist Erdoğan der starke Mann, dem die Türkei den Wirtschaftsboom zu verdanken hat.

Augusta: Erdoğan geht insgesamt mit Härte gegen die Demonstranten vor. Doch ab und zu scheint er den Demonstranten entgegenkommen zu wollen. Er hat z.B. den Protestierenden ein Referendum zur Aussicht gestellt. Dieses Referendum gibt den Istanbulern die Möglichkeit, über die Nutzung des Gebäudes, das im Gezi-Park errichten werden soll, zu entscheiden. Zeugt dieses Vorgehen von Unsicherheit Erdogans im Umgang mit den Demonstranten? Was ist das für eine Taktik, die er verfolgt?

Laut: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir kurz auf das türkische Staatsverständnis zu sprechen kommen.

Agusta: Gerne. Wie ist das Staatsverständnis in der Türkei?

Laut: 600 Jahre Osmanisches Reich mit einer absoluten Zentralgewalt haben natürlich das Staatsverständnis der Türkei geprägt. Atatürk stand im Grunde – trotz seiner revolutionären Maßnahmen – in der direkten Nachfolge der absolutistischen osmanischen Sultane. Ein englischer Kollege hat die Herrschaft Atatürks sehr schön charakterisiert und auf den Punkt gebracht: Sie war eine „enlightened dictatorship“. Es gab also auch unter Atatürk  wenig demokratische Strukturen, aber durchaus  demokratische Ideen wie die strikte Trennung von Staat und Religion. Atatürk galt als „Vater der Türken“, und diese Tradition wirkt fort. In der Türkei gilt der Staat als Vater, der sich um seine Kinder kümmert, diese entweder bestraft oder belohnt. Erdoğan ist so eine Art Übervater, wie Atatürk das seinerzeit war. Er sieht und bezeichnet die Demonstranten als Kinder und fordert die Eltern auf, ihre Kinder vom Protestplatz zurückzuholen. Um jetzt auf ihre Frage zu kommen, welchen Kurs Erdoğan im Umgang mit den Demonstranten verfolgt: Er versucht die Demonstranten zu erziehen. Er bietet ihnen das Referendum als eine Art Belohnung an, wenn sie brav sind und aufhören zu demonstrieren. Wenn die Demonstranten nicht nachgeben, dann werden sie weiterhin mit Härte behandelt. Erdoğan versteht die Demonstranten nicht und er gibt sich auch keine Mühe sie zu verstehen. Er glaubt tatsächlich, dass die Demonstranten von irgendwem gegen ihn aufgehetzt wurden. Erdoğan glaubt, den Demonstranten richtiges Benehmen beibringen zu müssen.

Augusta: Sind also diese vorsichtigen Schritte, die Erdoğan auf die Protestierenden zugeht, nicht ernst gemeint?

Laut: Erdoğan ist jemand, der ausspricht, was er denkt. Er denkt nicht taktisch. Natürlich hat er Berater, die ihm wohl geraten haben, einen Schritt auf die Demonstranten zuzugehen und ihnen das Referendum anzubieten. Aber zu den Gesprächen hat er nicht vornehmlich Demonstranten eingeladen, sondern Künstler etc., also Personen, die mit der Problematik relativ wenig zu tun haben. Auf die Angebotstaktik Erdoğans würde ich mich auf keinen Fall verlassen. Es braucht wenig, bis er seinen Kurs wieder ändert und erneut Härte gegen die Demonstranten zeigt.

Augusta: Das Militär war lange Zeit ein bedeutender Machtfaktor im Land, ein Überbleibsel der Atatürk-Zeit. Es galt als Wächter des säkularen Staates. Welche Rolle spielt es heute? Wie steht es zu den Protesten?

Laut: Eine der ersten Maßnahmen der muslimisch-konservativen Regierung Erdoğans war, das Militär zu entmachten, indem der Generalstab zum Teil personell durch Erdoğan-Getreue ersetzt wurde. Deshalb spielt das Militär heute keine so wesentliche Rolle wie in der Vergangenheit. Ich erinnere an den Putsch vom 12. September 1980: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion übernahm damals das Militär die Regierung. Heute ist ein vergleichbarer Militärputsch undenkbar. Dass das Militär keine besondere Rolle spielt wird auch daran deutlich, dass die Gattinnen vom türkischen Staatspräsidenten Gül und von Erdoğan mit ihren Kopftüchern Veranstaltungen beiwohnen können, die vom Militär organisiert wurden. Außerdem ist bisweilen auch bei den Veranstaltungen des Militärs Alkohol untersagt. Diese kleinen Dinge zeigen, dass das Militär nicht mehr als starker Wächter des säkularen Staates bezeichnet werden kann. Das Militär hat zumindest heute absolut keine Reserve, um in den Protesten mitzuwirken. Zudem sind wichtige Militärs unter dem Vorwuf des Putschversuches verhaftet worden oder unter Hausarrest gestellt worden. Die Handlungsmöglichkeiten des Militärs sind also sehr stark begrenzt.

Augusta: Haben sich trotz dieser Umstände zumindest einige Militärs zu den Protesten in der Türkei in irgendeiner Form geäußert?

Laut: Soweit ich weiß, nein. Und das mag auch an ihrer im Moment recht unbedeutenden Position liegen.

Augusta: Gibt es Versuche seitens der Opposition, die Proteste gegen Erdoğan für eigene politische Zwecke zu nutzen?

Laut: Da gibt es skurrile Versuche. Die wichtigsten Gruppen im Parlament sind die Erdoğan-Partei, also die AKP, die Republikanische Volkspartei und dann diese extrem nationalistischen Parteien wie beispielsweise die „Partei der Nationalen Bewegung“, bei uns als die „Grauen Wölfe“ bekannt. Letztere sind islamisch-nationalistisch orientiert. Sie haben sich gegen Erdoğan gestellt, weil sie sich Aufwind erhoffen. Sie stellen absurde Vorwürfe in den Raum: Erdoğan wolle Gaskammern wie die Nazis einrichten, behaupten sie. Vorwürfe dieser Art bewegen sich in Dimensionen, die irrational sind. Die staatlichen Kemalisten hingegen sind mit ihrem ziemlich unfähigen Führer gar nicht erst in der Lage, die Proteste für eigene politische Ziele zu instrumentalisieren. Sie verstehen die Forderungen der Demonstranten nicht bzw. können diese nicht nachvollziehen.

Augusta: Warum nicht?

Laut: Die Demonstrationen in der Türkei sind kein Aufschrei nach Rückbesinnung auf den Kemalismus. Sie sind eher Ausdruck einer aufblühenden Zivilgesellschaft vergleichbar mit der 68er Bewegung in Deutschland oder den Anfängen der Grünen. Für die traditionellen Kemalisten ist diese Entwicklung schwer durchschaubar und auch nicht sehr sympathisch. Der Kemalisten-Führer Kılıçdaroğlu äußert sich ab und an zu den Protesten, mehr aber auch nicht. Die traditionellen Kemalisten können sich die Proteste nicht zunutze machen.

Augusta: In der Türkei wird also gerade eine Generation politisch aktiv, die etwas ganz anderen will als die konservativen Kräfte oder auch die Kemalisten?

Laut: Genau. Diese Generation bzw. diese Demonstranten haben bisher keine festen Ziele. Ihr Unmut über die ewige Reglementierung durch die Regierung hat sie auf den Taksim-Platz getrieben. Die Proteste sind im Grunde die Abnabelung vom Elternhaus. Die Menschen im Gezi-Park haben keine Lust mehr, sich von Papa Staat sagen zu lassen, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Freigeister wollen sich nicht mehr den islamisch-konservativ ausgerichteten Gesellschaftsmodellen fügen.

Augusta: Können wir hier von einem „Türkischen Frühling“ sprechen? Sind im Falle der Proteste in der Türkei überhaupt Parallelen zum Arabischen Frühling zulässig?

Laut: Solch einen Vergleich würde ich nicht ziehen. Denn die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der betreffenden Länder sind extrem unterschiedlich. In den westlichen Augen hat sich der Arabische Frühling als ein erfolgreicher Versuch von islamisch orientierten Gruppen entpuppt, die Macht zu übernehmen. In der Türkei ist genau das Gegenteil der Fall. In der Türkei ist gerade eine Zivilgesellschaft im Begriff, sich zu formieren. Und die Proteste in der Türkei werden sicher nicht damit ausgehen, dass wie im Arabischen Frühling religiöse und konservative Hardliner die Macht übernehmen werden. Natürlich ist davon auszugehen, dass die Demonstranten in der Türkei den Arabischen Frühling aufmerksam beobachtet haben und sich an dessen Protestform – wie die Besetzung eines zentralen Platzes – orientieren.

Augusta: Was wird das Ergebnis dieser Proteste sein?

Laut: Die Hoffnung ist, dass diese Proteste zunächst einmal den Beginn der Solidarisierung verfeindeter Gruppen in Gang gesetzt haben. Es wird natürlich seine Zeit brauchen, bis aus der Solidarisierung mehr erwächst. Vielleicht bilden diese Gruppen irgendwann so etwas wie die Partei der Mitte, die folgenden Slogan zu ihrem politischen Grundsatz erheben könnte, nämlich: Freiheit für den Turban (gemeint ist das Kopftuch) und für den Alkohol! Diesen Slogan habe ich im Meer von Plakaten auf dem Taksim-Platz entdeckt. Die türkische Gesellschaft hat bisher in Gegensätzen gedacht, in schwarz-weiß. Die Proteste in der Türkei könnten der Beginn einer Ära sein,  in der die Gesellschaft versucht, Harmonie zwischen den verschiedenen Interessengruppen herzustellen. Der Eindruck vieler Kollegen und mein eigener ist, dass sich die Türkei am Beginn eines historischen Prozesses in Richtung einer möglichen Partei der Mitte befindet.

Augusta: Eine Partei der Mitte würde also für die Freiheit aller stehen. Erdoğan hingegen schränkt die Freiheit eines großen Teils der türkischen Gesellschaft ein. Stichworte sind: Polizeigewalt, Unterdrückung und Zensur. Wie weit ist er bereit zu gehen?

Laut: Wenn es nur nach Erdoğan ginge, dann wäre der Taksim-Platz schon längt durch Wasserwerfer und etc. von Demonstranten geräumt worden. Es war schon bei Atatürk so, dass Aufstände einfach blutig niedergeschlagen wurden. Solch ein Vorgehen kann sich Erdoğan heute nicht erlauben, will die Türkei doch nicht ihre mehr oder minder guten Beziehungen zur EU und zu den USA aufs Spiel setzen. Die Türkei verfolgt die EU-Mitgliedschaft, die ihr wirtschaftliche Vorteile bringen würde. Deshalb werden Erdoğans Berater ihn dazu drängen, einen Umgang mit den Demonstranten zu pflegen, den Europa vielleicht leicht missbilligt, aber letzten Endes tolerieren kann.

August: Erdoğan scheint seinen Umgang mit den Demonstranten im Rahmen des Tolerablen zu halten. Sieht die EU das genauso? Kann sie diese massive Polizeigewalt gegen die Demonstranten noch billigen?

Laut: Nein, eigentlich nicht. Die EU steht auch vor einem Dilemma. Die Türkei ist im Rahmen der islamisch geprägten Staaten die einzige, der relativ weitgehende demokratische Strukturen hat. Außerdem schlägt sie die Brücke zur „islamischen Welt“. Wenn Europa die Türkei jetzt einfach fallen ließe, also ihr Vorgehen gegen die Demonstranten in einem Ton missbilligen würde, der dort auf wenig Wohlgefallen stößt, dann entstünde das Risiko, dass sich die Türkei vollends aus dem Europäisierungsprozess zurückzieht. Das will ja auch keiner in Europa. Europa wandert auf einem schmalen Grad. Auf der einen Seite will sie die Türkei nicht verärgern und auf der anderen Seite muss sie ihr aber auch deutlich klar machen, dass es bestimmte Grenzen im „unfreundlichen“ Umgang mit den Demonstranten gibt. Diese Grenze hat die Türkei schon längst überschritten.

August: Wie weit kann die EU mit ihrer Kritik gehen? Wird sie, wenn nötig, Sanktionen gegen die Türkei verhängen?

Laut: Es gibt sicher eine rote Linie. Wenn diese von Seiten der türkischen Regierung gegen ihre Demonstranten überschritten wird, dann muss die EU handeln und eventuell wirtschaftliche Sanktionen gegen die Türkei verhängen.

Augusta: Wann ist diese rote Linie überschritten?

Laut: Wenn es tatsächlich zu einer brutalen Zerschlagung der Demonstrationen kommt, zu Inhaftierungen, Folter und anderen schrecklichen Sachen. Soweit soll es aber natürlich nicht kommen. Auch die USA, die ein großer Verbündeter der Türkei ist, äußern sich vorsichtig zum Umgang der türkischen Regierung mit den Demonstranten. Sie tadelt die Türkei, aber niemals in dem Maße, wie sie  Iran tadelt. Auch die USA stecken in dieser Hinsicht in einem Dilemma, weil sie die Türkei als die Brücke zur „islamischen Welt“ sehen.

Augusta: Kommen wir nochmal auf die türkische EU-Mitgliedschaft zu sprechen. Ist sie nun angesichts der Vorgänge in der Türkei gefährdet?

Laut: Im Moment ist der EU-Beitritt der Türkei undenkbar. Dafür sind die wirtschaftlichen Probleme trotz des Booms noch zu groß. Ebenso sind die demokratischen Strukturen, auch wenn sie vorhanden sind, nicht so stark ausgeprägt, dass man die Türkei in die Europäische Union aufnehmen könnte. Einen großen Teil der türkischen Bevölkerung könnte man hingegen ohne Weiteres in die EU aufnehmen. Viele Bewohner Istanbuls, Ankaras etc. sind und denken viel europäischer als so manche Südosteuropäer. Sie leben praktisch in einem Land, der Türkei, das ihnen mehr oder weniger fremd ist. Dieser Teil der türkischen Gesellschaft bildet jedoch nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb wird es noch Jahrzehnte dauern, bis der EU-Beitritt der Türkei besiegelt ist.

Augusta: Herr Laut, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Florian Sanden und Wagma Hayatie.