Proteste verhindern Afghanistanvortrag

Früherer Bundeswehrsoldat wollte über Erfahrungen im Afghanistaneinsatz berichten, wurde aber von einer Gruppe Protestierender gestoppt

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Referent Johannes Clair

„So schlimm wie hier war es noch nie“, resümierte Johannes Clair. Der frühere Bundeswehrsoldat und erfolgreiche Buchautor war am 13. Mai an die Georg-August-Universität gekommen, um aus seinem Bestseller-Buch „Vier Tage im November“ zu lesen. Allerdings wurde daraus nichts. Sobald Clair das Wort ergriff, ertönte lauter Applaus. Dieser ebbte aber nicht ab und war auch keineswegs als Respektsbekundung gedacht. Eine Gruppe von „Anti-Militarist_innen“ brachte ihren Unmut über den Auftritt des ehemaligen Stabsgefreiten der Fallschirmjäger zum Ausdruck. Fast zwei Stunden versuchte Clair erfolglos seinen Vortrag über seine Erfahrungen im Afghanistaneinsatz zu beginnen.

Die protestierenden Studenten störten immer wieder, skandierten unter anderem den bekannten Slogan: „Deutsche Waffen – Deutsches Geld – Morden mit in aller Welt“. Auf einem namentlich nicht gekennzeichneten Flugblatt mit der Überschrift „Keine Kriegspropaganda an der Uni Göttingen“ wurde kritisiert, dass „unter dem Deckmantel einer vermeintlich zivilen Organisation“ die Bundeswehr versuche „an Universitäten Fuß zu fassen und Kriegspropaganda zu betreiben.“

Der veranstaltende Arbeitskreis für Außen- und Sicherheitspolitik war machtlos gegen die Störer. Dabei ist der Protest gegen ähnlich geartete Vorträge zur Normalität geworden. Erst Mitte April wurde Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière von Studenten aus dem Audimax der Berliner Humboldt-Universität geschrien. Die Göttinger „Anti-Militarist_innen“ verhinderten bereits im Januar mit Türblockaden eine Vortragsveranstaltung des Arbeitskreises für Außen- und Sicherheitspolitik.

Dass Johannes Clair nicht zu Wort kam, stieß bei einigen Anwesenden auf Unverständnis. Vermittlungsversuche blieben erfolglos. Zwischenzeitlich ergriff ein junger Student namens Belal das Wort. Seine Eltern lebten in Afghanistan, er selbst halte den Einsatz der Bundeswehr für falsch, machte aber gleichzeitig klar, dass er „dennoch hören möchte, was Herr Clair zu sagen hat.“ Doch die Protestierenden blieben unnachgiebig und ließen sich auch nicht von der Drohung der Universitätsverwaltung, „notfalls den Saal mit Polizeigewalt räumen zu lassen“, einschüchtern. Schlussendlich blieb alles gewaltfrei und die meisten Gäste verließen unverrichteter Dinge das Zentrale Hörsaalgebäude.

Circa zwanzig Personen harrten weiter aus und diskutierten im kleinen Kreis mit Johannes Clair über dessen Erfahrungen. Der gebürtige Hamburger war 2010/11 in Afghanistan im Einsatz. Im Nachhinein begreift Clair, wie naiv er damals war. „Ich wollte dort etwas verändern, für Sicherheit sorgen“, erklärte der 27-Jährige. Im Endeffekt hatte der Stabsgefreite gelernt, dass „die Soldaten nur die Scherben zusammenkehren.“ Für ihn ist „im Laufe des Einsatzes klar geworden, dass wir unsere Ziele nicht erreichen.“ Kritisch sieht Clair vor allem die Rolle der deutschen Regierungen, die das Vorhaben als humanitären Einsatz deklarierten. „Die Deutschen haben am meisten versprochen und am wenigsten gehalten“, fügte er an und im Endeffekt könne er auch verstehen, warum einige mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln protestieren. „Ich sage nicht, dass ich immer Recht habe. Ich möchte erst einmal darauf hinweisen, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt“, erklärte Clair.

Von Constantin Eckner

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Ein Kommentar zu “Proteste verhindern Afghanistanvortrag”

  1. Die Information „er wurde gestoppt“ entspricht insofern nicht der Wahrheit, als dass der Referent nach Abzug der Störer und mit Verspätung von 2,5 Stunden noch aus dem vollen Umfang seiner Erfahrungen berichten konnte. Die verbliebenen Zuhörer nahmen die Diskussion friedlich und für alle Seiten gewinnbringend auf. Selbst der afghanische Komillitone, der von den Störern niedergebrüllt wurde, obwohl er sich lautstark gegen den Einsatz der Bundeswehr in seinem Heimatland aussprach, nahm begeistert daran teil.

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