Neue EU-Richtlinie geplant: Europa soll für ausländische Studierende und Wissenschaftler attraktiver werden

Die EU-Kommission will die europäische Hochschullandschaft stärker internationalisieren. Einfachere und flexiblere Bestimmungen sollen den Aufenthalt erleichtern

Europas Arbeitsmärkte stehen derzeit vor einer paradoxen Entwicklung. Trotz steigender Arbeitslosenzahlen können viele freie Stellen nicht besetzt werden. Der Grund: Die Lücke zwischen der verlangten Qualifikation und dem Können der Bewerber klafft immer stärker auseinander. Während in einigen Regionen und Branchen massiv Stellen abgebaut werden, herrscht in einigen Berufen, für die hoch spezialisiertes Fachwissen erforderlich ist, Fachkräftemangel.

Um diesem Trend zu begegnen, müssen laut EU-Kommission mehr internationale Studierende und Wissenschaftler von außerhalb der EU den Weg nach Europa finden und nach dem Abschluss ihrer Ausbildung die Möglichkeit erhalten, hier zu bleiben. Dies sei wichtig, um Europas Ruf als „internationaler Exzellenzstandort“ zu wahren und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. In naher Zukunft, so bestätigen es zahlreiche Experten, wird der Zugang zu Rohstoffen oder günstiger Arbeit für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes nicht mehr so entscheidend sein. Stattdessen werde der Zugang zu gutem „Humankapital“, sprich der Wettbewerb um die fähigsten Köpfe, zum wichtigsten Kriterium.

Schon heute kommen jedes Jahr über 200 000 Menschen nach Europa, um in einem europäischen Land zu studieren, ein Praktikum zu machen oder um an einem Schüleraustausch teilzunehmen. Zu wenig, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Nach wie vor gelinge es nicht, die benötigten Arbeitskräfte zu motivieren nach Europa zu kommen und hier zu bleiben. Andere Länder, darunter die USA und Japan, seien erfolgreicher darin begabten Nachwuchs zum Verlassen seiner Heimat zu bewegen, um im Ausland zu studieren oder wissenschaftlich zu arbeiten.

Zu viele unnötige Regelungen und zu viel bürokratischer Aufwand bildeten ein wesentliches Hindernis. Die geltenden Bestimmungen für den Erhalt eines Studentenvisums seien zu kompliziert und die Verfahren zu langwierig. Einmal in der EU gebe es für Menschen außereuropäischer Herkunft kaum die Möglichkeit von einem in einen anderen Mitgliedsstaat zu wechseln.

Die EU-Kommission strebt daher eine Vereinfachung der bestehenden Regelungen an und legte Ende März einen Vorschlag für eine neue Richtlinie vor. An die Stelle vieler verschiedener nationaler Vorschriften soll ein EU-weit einheitliches Verfahren mit klaren, einheitlichen und transparenten Vorschriften treten. Konkret sieht der Entwurf vor, dass die Behörden der Mitgliedstaaten Visaanträge künftig innerhalb von 60 Tagen bearbeiten müssen. Einfachere und flexiblere Bestimmungen sollen Wissenschaftlern, Studenten und bezahlten Praktikanten den Wechsel von einem Mitgliedstaat in einen anderen erleichtern. Zudem hält die Kommission einen vereinfachten Zugang zum Arbeitsmarkt für erforderlich. Studenten sollen während ihres Studiums mindestens 20 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, damit sie ihr Studium finanzieren und einen Beitrag zur Wirtschaft des Landes leisten können. Wissenschaftler und Studenten sollen überdies unter bestimmten Bedingungen für einen Zeitraum von 12 Monaten nach Abschluss ihrer Forschungsarbeiten bzw. ihres Studiums im Land bleiben können, um sich nach einer Arbeit umzusehen oder sich eventuell selbstständig zu machen. Darüber hinaus sollen auch Au-pair-Beschäftigte, Schüler und bezahlte Praktikanten, die von den geltenden EU-Vorschriften derzeit noch ausgenommen sind, von der Neuregelung profitieren.

Der Dachverband aller europäischer Studentinnen und Studenten, die „European Student´s Union“ und ihre Vorsitzende Karina Ufert begrüßten den Vorstoß der EU-Kommission. Dies sei eine sehr erfreuliche Initiative, die dazu beitragen könne, die Bedingungen für internationale Studierende und Wissenschaftler innerhalb Europas zu verbessern. Auch im Hinblick auf das Ziel mittelfristig einen konsolidierten europäischen Hochschulraum zu schaffen stelle die geplante Richtlinie einen sinnvollen Beitrag da. Andererseits dürften nicht nur ökonomische Begründungen für die geplante stärkere Internationalisierung herhalten. Ausländische Studierende und Wissenschaftler steigerten das kulturelle Bewusstsein und bereicherten die Gesellschaft.

Bevor er in Kraft treten und von den Regierungen der Mitgliedsstaaten umgesetzt werden kann, muss der Vorschlag noch im EU-Parlament und im Rat der Europäischen Union diskutiert und verabschiedet werden.

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